013 Resilienz und Gesundheit

Interview mit Monique Proste

Monique Proste

Hallo Monique, schön, dass du dir Zeit für das Gespräch zum Thema Resilienz und Gesundheit nimmst. Du bist Gesundheits- und Ernährungsberaterin, warst Dozentin an der Stiftung Reformhaus-Fachakademie, hast jahrelang auch im Reformhaus® in Teilzeit gearbeitet und bist heute bei der Firma Raab Vitalfood angestellt, die ihre Produkte auch im Reformhaus® verkauft.

In unserem Resilienz Blog „Krisentanz“ haben wir schon einige Themen rund um die Resilienz für unsere LeserInnen aufgearbeitet. Resilienz ist definiert als seelische Widerstandskraft, aber es reicht ja unseres Erachtens nicht, nur den Blick auf die Seele zu werfen. Seelische Widerstandskraft ordnen wir ganzheitlich ein in die Einheit von Körper, Geist und Seele, so wie es die Traditionelle Chinesische Medizin tut. Und mit dir möchte ich heute reden über die physische Gesundheit.

Resilienz und Gesundheit

TG: Worin siehst du die Verbindung von Resilienz und Gesundheit?

MP: Wenn ich mir die sieben Säulen der Resilienz angucke, dann ist die Gesunderhaltung ein sehr wichtiger Aspekt in der Selbstfürsorge.

TG: Wo wollen wir einhaken beim Thema Gesundheit und Gesunderhaltung? Bei der Ernährung?

MP: Ja, das ist sinnvoll, wobei für mich Ernährung, Bewegung und Entspannung beim Thema ganzheitliche Gesundheit zusammengehören.

Radfahren im Alter

 

TG: Das sehen wir auch so, diesen Dreiklang haben wir im Blog auch schon erwähnt und erläutert. Behalten wir auch so im Kopf. Was siehst du nun im Teilaspekt Ernährung als resilienzfördernd an?

Ausreichende Nährstoffversorgung ist die Basis für eine Grundstabilität

MP: Um die Resilienz zu fördern ist für mich erst mal wichtig, dass der Körper mit allen Nährstoffen ausreichend versorgt wird. Das sorgt für eine gewisse Grundstabilität und dafür, dass wir eine Grundenergie haben. Da merke ich in meinen Ernährungsberatungen, dass es hier aufgrund von Umwelteinflüssen oder durch die Einnahme bestimmter Medikamente zu einer Nährstoffunterversorgung kommt, bis hin zum echten Mangel.

Das ist ein großes Thema, mit dem ich mich derzeit beschäftige, denn es kann in Folge dann ja auch zu Müdigkeit und Abgeschlagenheit führen.

TG: Kannst du uns ein Beispiel geben, wo Nährstoffmangel zu Müdigkeit führt?

MP: Da ist eine ganze Reihe von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen im Spiel, etwa Vitamin C. Wobei ich hier sagen muss, da ist ein Mangel eher selten bei den KlientInnen, mit denen ich zu tun habe. Wir sind über die Nahrung insgesamt sehr gut mit Vitamin C versorgt. Es sei denn, sie treiben sehr, sehr viel Sport, dann muss man auch da mal genau hinschauen. Was mir dann aber einfällt, sind die B-Vitamine, da gehört vor allem B12 mit dazu, wo viele tatsächlich einen Mangel haben, weil sie zum Beispiel Blutdruckmedikamente nehmen oder Diabetesmedikamente. Entweder sorgen sie dafür, dass sie zu schnell ausgeschieden werden oder gar nicht erst aufgenommen werden können. Womit ich mich auch seit Langem schon beschäftige, ist das Coenzym Q10. Es ist für die Mitochondrien, unsere kleinen Kraftwerke in den Zellen, wirklich entscheidend. In Deutschland gibt es bei vielen einen Mangel an diesem Coenzym, was dann zu diesem ausgelaugt sein, zu Müdigkeit und Antriebslosigkeit führt.

TG: Wie versorgt man sich damit?

MP: Es gibt ein paar Lebensmittel, in denen Q10 drinsteckt. Es sind überwiegend tierische Produkte, es ist aber beispielsweise auch in Weizenkeimen enthalten. Ich muss hier aber klar sagen, wenn hier ein echter Mangel vorliegt, also die Mitochondrien nicht mehr richtig arbeiten, wird es schwierig, den Mangel allein über die Nahrung allein auszugleichen. Dann sind Nahrungsergänzungsmittel erforderlich.

Wie komme ich einem Nährstoffmangel auf die Spur?

TG: Wenn ich müde und angespannt bin, wie finde ich denn heraus, ob es an einem Nährstoffmangel liegt?

MP: Da gehören für mich zwei Dinge zusammen. Bei meinen Ernährungsberatungs-PatientInnen lasse ich über 7 Tage protokollieren, was sie essen. Dann werte ich ganz genau aus, welche Nährstoffe in dieser Woche ausreichend aufgenommen werden. Ich gucke mir nicht den Tag an, sondern die ganze Woche und gleichzeitig bringen mir die PatientInnen auch grundsätzlich die Ergebnisse der Blutuntersuchungen vom Arzt mit. Das wird dann mit der ausführlichen Anamnese abgeglichen, also, welche Krankheiten liegen vor, welche Medikamente werden eingenommen. Als fachlichen Hintergrund für die Auswertung ziehe ich das letzte Buch von Dr. Anne Fleck „Energy!“ heran. Da hat Frau Fleck alle Medikamente tabellarisch aufgeführt, die zu bestimmten Nährstoffmängeln führen können. Blutdruckmedikamente, sagte ich schon, reduzieren Vitamin-D- und Vitamin-C-Aufnahme, der Körper bekommt Probleme mit den Omega-3-Fettsäuren, Magnesium und auch Coenzym Q10.

Man muss ich das schon genau anschauen, viele nehmen nur die Blutuntersuchung und bekommen dann vielleicht einen B12-Grenzwert angezeigt und der Arzt hat dann gesagt: „Passt“. Wenn aber der B12-Wert schon so weit runter ist, dass er an der Grenze steht, sollte man das als Alarmzeichen sehen und viel früher eingreifen.

Und deshalb schaue ich auf die Ernährung, wird für die Versorgung eigentlich ausreichend etwas getan. Bei den Veganern ist die B12-Unterversorgung immer ein Thema und wenn dann Medikamente genommen werden, die die Aufnahme behindern oder B12 im Körper auch noch reduzieren, dann wird es heikel.

Vitamine

 

TG: Bleiben wir noch ein wenig beim Thema Blutuntersuchung und Grenzwerte. Es gibt die Situation auch beim Diabetes. In der Blutuntersuchung liegen die Blutzuckerwerte im Grenzbereich nach oben, die Vorstufe zum Diabetes könnte erreicht sein. Auch hier spielt dann Unwohlsein und Abgeschlagenheit eine Rolle, die die Resilienz beeinträchtigt. Muss hier ernährungsmäßig auch umgesteuert werden?

MP: Ja. Da kann ich dir klar sagen, wenn die in diesem Bereich der Vorstufe noch sind, kriegt man es gerade auch über die Ernährung wieder in den Griff. Da brauchst du weniger die Mikronährstoffe, da schaust du dir die drei Makronährstoffe Fett, Kohlenhydrate und Eiweiß genauer an und verteilst deren Gewichte in der Ernährung neu. Die Kohlenhydrate werden reduziert, dafür können die gesunden Fette etwas erhöht werden. Da habe ich einige PatientInnen gehabt, die darüber nicht in den Diabetes hineingerutscht sind, oder wenn die Im Diabetes Typ 2 waren und mussten noch nicht Insulin spritzen, sondern konnten noch über Tabletten behandelt werden, dass die dann da auch wieder rauskamen. Voraussetzung: Der Wille muss da sein!

TG: Ist die Quelle für die Eiweiße, also tierisch oder pflanzlicher Herkunft, eigentlich egal?

MP: Ja. Aber auch da schaue ich mir die Ernährungsauswahl noch mal genauer an und achte insbesondere da auch auf die essenziellen Eiweiße oder Aminosäuren, so heißt es ja besser, und empfehle im veganen Bereich auch mal Kombinationen wie Reis und Erbsen oder Reis und Linsen. Dadurch wird die biologische Wertigkeit, so heißt das, noch mal erhöht. Das bedeutet, dass du noch mal mehr von diesen wichtigen Aminosäuren aufnimmst, die der Körper für Muskeln oder andere wichtige Körperstrukturen benötigt.

TG: Vielen Dank für diesen Einblick in die Welt der Nährstoffe. Kommen wir aber gern noch mal auf deinen Ursprungsgedanken zurück, dass Gesunderhaltung ein wichtiger Aspekt der Selbstfürsorge ist. Zum Wohlbefinden, hast du gesagt, gehören ja auch Bewegung und Entspannung dazu. Bleiben wir aber noch kurz im Ernährungsbereich, in dem sich viele nicht gut auskennen.

Wenn Menschen keinen Mangel haben und es ihnen gutgeht, gehört zum Erhalt dieses guten Zustands auch eine vernünftige, gesunde Ernährung dazu.

Was soll man in dieser Hinsicht tun, um auch gesund zu bleiben?

Worauf sollte ich in meiner Ernährung achten?

MP: Ich empfehle eine vitalstoffreiche, ich nenne es auch cleane Ernährung, also das, wofür ja auch das Reformhaus® steht und Empfehlungen ausspricht.

TG: Das heißt halt, möglichst keine Convenience-Produkte, also Fertiggerichte nehmen, weil die Stoffe liefern, die im Körper stille Entzündungen auslösen können oder fördern. Positiv ausgedrückt: Am besten alles frisch einkaufen und selbst zubereiten, dann habe ich die Kontrolle darüber, was drin ist. Und dich persönlich tendiere auch eher zu einer Ernährung, in der die tierischen Produkte sehr reduziert sind. Es muss nicht gleich vegan sein, es sei denn ethische Gründe sprechen dafür. Im Grunde reicht zum Gesundbleiben, wie es die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt: zweimal die Woche maximal Fleisch, einmal Fisch und bei tierischen Produkten bitte auf die Qualität achten. Qualität vor Menge hat Vorrang!

gesundes Gemüse

TG: Kommen wir zum Thema Immunschutz. Wir haben in den letzten Jahren sehr viel zum Thema Darmgesundheit fördern gelesen, gesprochen, gehört. Der Darm als Hauptakteur unseres Immunsystems muss gepflegt werden. Wie?

MP: Bei der Darmgesundheit ist es wichtig, sich clean zu ernähren, weil hier z. B. die Transfettsäuren, wie sie in Fertiggerichten in größeren Mengen eingesetzt werden, sich negativ auswirken können in Richtung leaky-gut-Syndrom (Störung der Barrierefunktion der Darmschleimhaut im Bereich des Dünndarms, die Red.).

Ich sage an dieser Stelle immer, ganz wichtig sind auch die Ballaststoffe. Vor allem Gemüse und in geringerem Maße Obst sind hier gefragt. Und es gibt auch viele großartige alternative Ballaststoffprodukte, die man sich schon morgens ein bisschen mit ins Müsli streuen kann, sodass man auf 30 g pro Tag kommt. Man soll sich bei den Ballaststoffen langsam steigern, damit der Darm sie auch verträgt ohne Murren, aber mit ihnen unterstütze ich meinen Darm gut. Eine Kur mit Darmbakterien ein bis zweimal im Jahr unterstützt ebenfalls die Darmgesundheit.

TG: Was sind das für gut Dinge, die ich morgen schon in Müsli geben kann?

MP: Ich bin kein großer Anhänger von Inulin, weil ich da öfter die Rückmeldung bekomme, es verursache Blähungen. Ich lieb Akazienfasern, die quellen nicht so sehr auf und sind auch eher geschmacksneutral, aber auch Apfelfasern und natürlich Flohsamenschalen. Das sind meine drei Favoriten.

TG: Danke, Monique, da haben wir einen schönen großen Kreis gezogen, um die Gesunderhaltung über die Ernährung als unterstützende Säule für die Resilienz zu verdeutlichen. Über Bewegung und Entspannung haben wir im Blog schon geschrieben.

Gibt es darüber hinaus noch etwas, das du gern dazu sagen möchtest?

Man muss nicht jedem Trend folgen

MP: Ja, was mir persönlich, ob in meinen Ernährungsberatungen oder auch in der Beratung im Reformhaus®, immer auffällt, ist, dass die Menschen Sachen essen, die ihnen nicht schmecken, in der Hoffnung, sich mit diesen Sachen dennoch was Gutes zu tun. Davon rate ich ab! Es tut einerseits unsrer Seele nicht gut, sich so etwas anzutun und auf der anderen Seite glaube ich, dass wir einen ganz schlauen Körper haben, der uns signalisiert, wenn er mit bestimmten Dingen nicht klarkommt. Ein gutes Beispiel sind diejenigen, die Inulin zu sich nehmen, mit Bauchschmerzen, Blähungen bis in zu Herzrhythmusstörungen darauf reagieren und dennoch sagen, ich muss das zu mir nehmen, weil es gut für mich sein soll. Da sage ich dann, hört mehr auf euren Körper und ihr müsst nicht jedem Trend folgen.

TG: Da fällt mir auch noch was ein. Genuss hast du angesprochen, aber wir Deutsche neigen ja gern dazu, alles immer zu 100 Prozent genau umzusetzen, um alles richtig zu machen. Heißt bei vielen, ich muss jetzt alles ändern, ich muss meine Ernährung komplett umstellen, darf dies und das nicht mehr. Das bedeutet oft Stress, denn die Frage kommt: Was soll ich essen, wenn ich nicht selbst kochen kann? Was soll ich kochen, wenn Gäste kommen, die Fleischesser sind etc.? Was ist mit den Kindern?

Abendessen Gesellschaft

 

Und bloß nicht über die Stränge schlagen, wie siehst du das?

MP: Ich teile deine Ansicht im Großen und Ganzen, was das entspannt bleiben angeht. Konsequent umsetzen aber immer dann, wenn eine echte Unverträglichkeit im Spiel ist. Zum Beispiel bei Zöliakie. Da hast du keinen Spielraum, da musst du zu 100 % Gluten meiden. Da kann ich nicht sagen, ich esse heute mal ’ne Pizza und es ist mir egal, ob da Gluten drin ist. Da musst du die Ernährungsrichtlinie strikt durchziehen. Oder Alkohol bei Fettstoffwechselerkrankungen – geht auch nicht in geringen Mengen.

Aber ansonsten hat essen auch immer mit Genuss zu tun, und wenn man auf einer Familienfeier ist, das zu essen, was aufgetischt wird, entspannt damit zu sein. Das ist für die Psyche viel, besser, als wenn ich nur strikt vorgehe.

Auch wenn ich vielleicht zweimal im Monat ein Stück Torte sonntags esse, beschleunigt das sicher nicht meinen Weg in den Diabetes, wenn ich sonst auf das achte, was wir vorhin besprochen haben. Und es eine schöne, genussvolle Ausnahme bleibt.

Kuchenstück Genuss

Man merkt den Leuten den Stress mit den Umstellungen auch an. Dann sage ich, bleibt entspannt damit, und wenn du die Torte isst, dann genieße es auch!

TG: Liebe Monique, vielen Dank für deine Zeit und die wichtigen Hintergründe zu Gesundheit und Wohlbefinden. Bleib auch du gesund und stets resilient!

 

# Blog 013 Gesundheit und Resilienz

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Bildnachweis pixabay: Mabel Amber, Click-Free-Vector-Images, Ulrike Leone, Flockine

Foto Monique: Copyright Akademie Gesundes Leben

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